Die Sonne geht auf




Jatila



In einem Dorf in Indien lebte einst ein kleiner Junge namens Jatila.

Jatilas Mutter war eine Witwe und niemand war da, um ihr zu helfen. Sie verdiente ein wenig Geld mit dem Spinnen von Garn. Sie und Jatila hatten immer gerade genug zum essen, aber sie waren sehr arm.

Jeden Tag betete Jatilas Mutter zu Sri Krishna. Sie fragte ihn, ob er ihr helfen würde, nach ihrem kleinen Jungen zu schauen, denn sie wollte, dass er zu einem starken und guten Mann heran wächst.

Als Jatila alt genug war, schickte seine Mutter ihn zur Schule. Die Schule war im nächsten Dorf und um dort hin zu kommen, musste Jatila durch einen Wald laufen. Die hohen Bäume in dem Wald machten den Gehweg sehr dunkel und Jatila hatte Angst. Manche der Bäume hatten lange Äste, die aussahen wie Arme, die ihn fangen wollten. An anderen Bäumen wuchsen Ranken und die Halme der Ranken sahen aus wie riesige Schlangen. 

„Ich wünschte, ich wäre nicht allein,“ dachte Jatila. „Es wäre gar nicht so schlecht, wenn ich jemand hätte, mit dem ich mich unterhalten könnte.“ 

Aber Jatila war allein und so beeilte er, sich so schnell wie möglich zur Schule zu kommen. 

Jatila ging gerne in die Schule. Er mochte die Lehrer und in der Pause hatte er viel Spaß mit den anderen Jungen. Wenn die Schule zu ende war und es Zeit war, nach Hause zu gehen, erinnerte sich Jatila daran, dass er nun wieder durch den Wald laufen musste. Dieses mal war es  noch schlimmer. Der Wald war dunkler denn je und überall waren dunkle Schatten. Da waren diese Arme, die immerzu versuchten ihn zu fangen! Und da waren diese Schlingpflanzen, die aussahen wie Schlangen, die die Baumstämme hoch kletterten. Jatila fing an zu laufen. Er rannte und rannte durch den ganzen Wald und stoppte erst, als er zu Hause war. 

Sobald er seine Mutter sah, fing er an zu weinen.

„Was ist passiert?“ fragte seine Mutter. Sie nahm ihn auf ihren Schoß, um ihn zu beruhigen. 

„Hat der Lehrer mit dir geschimpft?“

„Oh nein, Mutter“, antwortete Jatila. „Ich war glücklich in der Schule. Es ist der Wald, Mutter. Der Weg ist so lang durch den Wald, und ich bin ganz allein und ich habe Angst.“ 

„Aber da ist nichts in dem Wald, wo vor du Angst haben müsstest“, sagte seine Mutter. „Du wirst dich bald daran gewöhnen.“

„Nein, Mutter“, sagte Jatila. „Ich habe große Angst. Bitte schick jemand mit mir.“

„Aber wen soll ich mit dir schicken?“ antwortete die Mutter. „Da ist niemand, der mit dir gehen kann.“

Jatilas Mutter schloss ihre Augen und dachte angestrengt nach. Plötzlich öffnete sie ihre Augen wieder und in ihrem Gesicht machte sich ein Lächeln breit.

„Natürlich“, rief sie. „Wie dumm ich bin, dies zu vergessen. Da ist doch dein großer Bruder in dem Wald. Er wird mit dir gehen und sich um dich kümmern.“ 

Jatila war erstaunt.

„Großer Bruder?“ sagte er. „Habe ich einen großen Bruder, Mutter?“ 

„Ja, Kind“, sagte sie. „Sein Name ist Madhusudan.“ 

„Aber wo ist er, Mutter?“ fragte Jatila. „Warum lebt er nicht hier mit uns zusammen?“ 

„Er lebt im Wald“, antwortete seine Mutter. „Er schaut nach den Kühen dort. Aber wenn du ihn rufst, morgen auf dem Weg zur Schule  bin ich mir sicher, dass er seine Kühe alleine lassen wird und dich durch den Wald begleiten wird.“

Jatila war sehr glücklich. Jetzt hatte er keine Angst mehr vor dem Wald, er konnte es kaum noch abwarten, am nächsten Tag in den Wald zu laufen und seinen großen Bruder zu sehen. Früh am nächsten Morgen verabschiedete Jatila sich von seiner Mutter und ging zur Schule. Seine Mutter stand an der Tür der Hütte und beobachtete ihn, wie er schnell Richtung Wald lief. 

„Oh, Madhusudan“, betete sie, „bitte kümmere dich um meinen kleinen Jungen.“ 

Sobald Jatila den Wald erreicht hatte, blieb er stehen. 

„Oh, großer Bruder Madhusudan“, rief er. „Bitte komm und lauf mit mir durch den Wald.“ 

Jatila wartete und lauschte, aber niemand antwortete und niemand kam. 

„Er muss weit weg sein.“ dachte Jatila. „Ich werde lauter rufen.“ 

Also rief er noch mal, so laut wie er konnte, aber es kam immer noch keiner.

„Ich weiß, dass er hier im Wald ist“ sagte Jatila zu sich selber, „und ich weiß, dass er kommt, denn Mutter hat gesagt, er wird kommen.“ 

Nochmals und nochmals rief Jatila nach seinem großen Bruder, doch niemand kam. Jatila fing an zu weinen. 

„Mutter sagte, du wirst kommen,“ schluchzte er. „Wo bist du?“ 

In diesem Moment hörte Jatila die Töne einer Flöte. So schöne Musik hatte er noch nie gehört. Die Musik kam näher und näher und Jatila sah einen Jungen, der ihm auf dem Waldweg entgegen kam. Er war ein hübscher Junge. Auf seinem Kopf trug er eine Krone, strahlend und wunderschön, mit einer Pfauenfeder  bestückt. Er spielte seine Flöte und es schien so, als ob er tiefe Zufriedenheit ausstrahlte. Jatila rannte zu dem ansehnlichen Jungen. 

„Bist du Madhusudan, mein großer Bruder?“ fragte er. „Mutter hat gesagt, wenn ich dich rufe, wirst du deine Kühe allein lassen und mit mir durch den Wald laufen. Ich muss zur Schule gehen, weißt du.“ 

„Ja, ich bin dein großer Bruder,“ antwortete der Junge. „Komm mit mir, ich werde mit dir durch den Wald laufen.“

Jatila ging mir seinem großen Bruder und erzählte ihm von seinem Leben zu Hause und wie glücklich er war, alt genug zu sein, um zur Schule zu gehen. Er vergaß schon fast, wie ängstlich er am Tag zuvor noch war.

Als sie das Ende des Waldweges erreichten, stoppte Madhusudan. 

„Ich sollte jetzt zurück gehen,“ sagte er. 

„Aber wirst du auch heute Abend wieder mit mir laufen?“ fragte Jatila. „Ich werde mich sehr fürchten, wenn du nicht kommst.“

„Oh ja,“ antwortete Madhusudan. „ruf mich einfach und ich werde zu dir kommen.“ 

Jeden Morgen und jeden Abend rief Jatila seinen großen Bruder, sobald er den Waldrand erreichte. Und immer kam sein großer Bruder und lief mit ihm. Jatila erzählte seinem großen Bruder glücklich von seiner Mutter und alles was in der Schule passierte, und Madhusudan hörte zu und spielte manchmal seine Flöte.

Eines Abends, auf dem Weg nach Hause, erzählte Jatila seinem großen Bruder von einem Fest, dass sie in der Schule haben werden. Der Lehrer hat gesagt, dass jedes Kind etwas für das Fest mitbringen muss. 

„Und morgen,“ erklärte Jatila, „muss ich sagen, was ich mitbringen werde.“ 

„Gut, was wirst du mitbringen?“ fragte Madhusudan. 

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Jatila. „Weißt du, wir sind sehr arm. Wahrscheinlich kann ich gar nichts mitbringen.“ 

„Frag Mutter,“ sagte Madhusudan. „Sie wird wissen, was zu tun ist.“ 

Als Jatila seine Mutter fragte, was er zu dem Fest mitnehmen könnte, schaute sie sehr traurig.

„Ich habe nichts, was ich dir geben kann, Jatila,“ sagte sie. „Und ich habe auch kein Geld, also kann ich auch nichts kaufen. Warum fragst du nicht deinen großen Bruder?“

„Er hat mir gesagt, dass ich dich fragen soll,“ antwortete Jatila. „Er sagte, du weißt was zu tun ist.“ Seine Mutter lächelte. „Hat er?“ sagte sie. „Sehr gut. Sag ihm, dass ich auf ihn angewiesen bin.“

Am nächsten Morgen erklärte Jatila seinem großen Bruder au dem Weg zur Schule dass seine Mutter zu arm ist, um ihm etwas für das Fest mit zu geben.

„Sie sagte, dass sie auf dich angewiesen sein,“ fügte Jatila hinzu. 

„Alles klar,“  antwortete Madhusudan lachend, 
„dann sag deinem Lehrer, dass du Panir (Weißkäse) mit zum Fest bringen wirst. Und sag ihm, dass du genug für alle mitbringen wirst.“ 

Jatila lachte. „Es muss dann aber ein ziemlich großer Topf mit Panir sein,“ sagte er, „denn es werden zwanzig von uns sein.“

Der Tag des Festes war gekommen und Jatila lief glücklich in den Wald, um seinen großen Bruder zu treffen.  Er hatte sich sehr darauf gefreut, den Topf mit Panir zur Schule zu bringen.

„Gib dies deinem Lehrer,“ sagte er, als er Jatila den Topf gab. Jatila nahm den Topf und schaute sehr traurig. Es war alles andere als ein großer Topf. Es war ein sehr kleiner Topf. Der Weißkäse wird vielleicht für sechs Leute reichen, dachte er. Madhusudan schaute in Jatilas trauriges Gesicht. „Gib es deinem Lehrer,“ sagte er. „Es wird genug sein.“ Als Jatilas Lehrer den kleinen Topf mit Panir sah, war er sehr sauer.

„Du hast versprochen, genug Panir für alle mit zu bringen,“ sagte er, „ich habe mich nicht um mehr gekümmert. Was ist der Nutzen aus diesem kleinen Topf mit Weißkäse, wo wir doch so viele sind? Du hast das Fest ruiniert, Jatila.“

Der kleine Topf mit Weißkäse stand an der Seite. Das Fest war schon fast vorbei, als der Lehrer wieder daran dachte. 

„Wir sollten den Panir nicht verschwenden,“ sagte er. „Ein paar Kinder können etwas davon haben. Jatila, bring uns den Topf mit Weißkäse.“ 

Jatila nahm den Topf und gab etwas Panir an drei von vier Kindern. Dann bemerkte er etwas Eigenartiges. Als er Panir aus dem Topf nahm, füllte er sich wieder auf. Er lief durch die beiden Reihen der Kinder und legte reichlich Panir in die Schalen der Kinder. Der Lehrer schaute Jatila begeistert zu. „Jatila,“ weinte er, „du hast allen Panir gegeben. Wie hast du das gemacht? Ich dachte, du hast nur einen kleinen Topf mit Panir mitgebracht.“ 

„Ja, Herr,“ antwortete Jatila. „Das ist der Topf. Aber schau, er ist immer noch voll.“ 

„Ausgeschlossen!“ weinte der Lehrer. „Wo hast du diesen Topf mit Panir her? Sag es mir sofort.“

„Herr,“ sagte Jatila, „mein großer Bruder hat ihn mir gegeben.“ 

„Dein großer Bruder? Ich wusste nicht, dass du einen großen Bruder hast,“ sagte der Lehrer. 

„Ich wusste es auch nicht,“ antwortete Jatila, „bis ich anfing zur Schule zu gehen. Weißt du, er läuft mit mir durch den Wald.“

„Aber wo lebt er? Wie ist sein Name?“ fragte der Lehrer.

Jatila fing an, seinem Lehrer alles über Madhusudan zu erzählen – was er machte, wie er aussah und wie schön er die Flöte spielen konnte. 

„Jatila,“ sagte der Lehrer, „Ich würde gerne deinen großen Bruder sehen. Kann ich mit dir gehen um ihn zu treffen?“

„Oh ja, natürlich,“ antwortete Jatila aufgeregt. „Komm heute Abend mit mir in den Wald. Ich muss ihn nur rufen und er kommt zu mir.“ 

Als es Zeit war für Jatila nach Hause zu gehen, begleitete ihn sein Lehrer in den Wald. Jatila rief wie immer nach Madhusudan, aber er kam nicht. Jatila rief nochmals und nochmals, aber er kam immer noch nicht. 

„Ich denke, Jatila,“ sagte der Lehrer, „dass du nicht die Wahrheit gesagt hast. Du hast keinen großen Bruder der im Wald lebt.“ 

Jatila fing an zu weinen. 

„Es ist wahr. Es ist wahr,“ weinte er. „Ich habe einen großen Bruder, ich sage es dir. Sein Name ist Madhusudan. Er hat mir den Weißkäse gegeben.“

„Wo ist er denn dann?“ fragte der Lehrer. 

„Oh großer Bruder Madhusudan,“ rief Jatila laut. „Du musst zu mir kommen. Du musst. Wenn nicht, dann wird mein Lehrer mir nie glauben, dass ich die Wahrheit gesagt habe.“ 

In diesem Moment hörte Jatila die Flöte. „Da!“ schrie er, „Er kommt! Schau!, wie schön er die Flöte spielen kann.“ 

Der Lehrer hörte der Flöte zu und schaute sich gespannt nach dem Spieler um. Aber Madhusudan kam immer noch nicht. Anstelle dessen sprach eine wunderschöne Stimme  von über den Bäumen des Waldes. 

„Jatila,“ sagte die Stimme, „es wird eine lange Zeit vergehen, bevor dein Lehrer mich sehen kann. Du hast mich gesehen, Jatila, wegen deiner Mutter. Sie ist rein und gut und voller Hoffnung. Sie bat mich, sich um dich zu kümmern, wenn du im Wald bist und das ist der Grund, warum ich jeden Tag kam und mit dir durch den Wald lief. Du hast mich gesehen, weil deine Mutter Hoffnung in mich hatte und du Hoffnung in deine Mutter hattest.“

Da verstand Jatila endlich. Sein großer Bruder, der im Wald lebte, war wirklich Madhusudan.