Die Sonne geht auf




Die sieben Krüge


Es gab einmal vor vielen Jahren einen Barbier. Er war der Barbier des Königs. Der Barbier lebte mit seiner Frau in einer kleinen Hütte. Sie waren nicht reich, aber auch nicht arm. Jeden Monat bezahlte der König dem Barbier seinen Lohn und mit diesem Geld kauften sie, was immer sie brauchten.

Trotz alle dem war der Barbier nicht zufrieden. Er wollte reich sein. „Spare so viel du kannst,“ sagte er zu seiner Frau. „Du solltest mehr goldenen Schmuck haben. Wenn wir genug Geld gespart haben, werde ich dir eine wunderschöne Kette kaufen. Ich möchte, dass du so aussiehst wie eine Frau eines reichen Mannes.“

Also sparten der  Barbier und seine Frau so viel Geld, wie sie nur konnten. Als sie genug zusammen hatten, gingen sie zum Goldschmied und kauften eine goldene Kette. Die Frau des Barbier fühlte sich sehr geehrt. „Nun fängst du an, wie eine Frau eines reichen Mannes aus zu sehen,“ sagte der Barbier zu ihr.

Doch der Barbier war immer noch nicht zufrieden. Er wünschte sich oft, dass er irgendwie noch mehr Gold bekommen könnte. Eines Abends machte er einen Spaziergang in den Wald in der Nähe seines Hauses. Er setzte sich unter einen Baum und begann wie so oft, über Gold nach zu denken. „Ich wünschte, ich hätte mehr Gold, “ dachte er. In diesem Moment hörte der Barbier eine Stimme. Es schien, als ob es von der Spitze des Baumes kommen würde. „Barbier, Barbier“, sagte die Stimme. „Willst du reich sein? Willst du Gold?“ „Ja, ja!“ schrie der Barbier. „Das ist richtig. Ich möchte reich sein. Ich will Gold!“ „Wieviel Gold willst du?“ fragte die Stimme. „Willst du sieben Krüge voller Gold?“ „Ja, ja!“ schrie der Barbier. „Sieben Krüge, das ist richtig. Ich will sieben Krüge voller Gold.“ „Alles klar“, antwortete die Stimme. „Geh nach Hause, Barbier. Die sieben Krüge werden dort auf dich warten.“

Der Barbier sprang auf. „Kann das wahr sein?“ fragte er sich selber. „Vielleicht träume ich nur. Sieben Krüge voller Gold. Denk nur mal daran!“ Der Barbier rannte den ganzen Weg nach Hause. „Frau, Frau“, schrie er, als er die Hütte erreichte. Seine Frau eilte zur Tür. Sie lächelte zufrieden. „Frau, hast du irgendetwas gesehen?“ fragte er. „Komm und schau dir das an!“ rief sie und ließ ihn herein. Ja, da standen sie auf dem Boden, sieben Krüge! „Weißt du, was in den Krügen ist, Frau?“ sagte der Barbier. „Gold, mein Schatz, Gold! Lass mich es dir zeigen.“ Der Barbier nahm den ersten Krug und nahm den Deckel ab. Mit großer Sicherheit, es war voll mit Gold. „Siehst du das, Frau?“  schrie der Barbier. „Wir sind reich. Wir haben sieben Krüge voll mit Gold!“ Glücklich und aufgeregt fing der Barbier an, durch den Raum zu tanzen. Seine Frau saß auf dem Boden in der Nähe der Krüge, und nahm nach und nach alle Deckel ab, um das Gold zu sehen. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, “ zählte sie, während sie die Deckel abnahm. “Sie sind alle voller Gold,“ sagte sie. „Wie wunderbar.“ Als sie den Deckel des siebten Kruges abnahm, schien sie überrascht. Der siebte Krug war halb leer. „Dieser ist halb leer!“ weinte sie. „Wie kann das sein?“ schrie der Barbier. „Wie kann es sein, dass der Krug halb leer ist?“

Der Barbier und seine Frau saßen traurig vor dem siebten Krug und starrten ihn an. „Gut, gut, dann soll es wohl so sein, schätze ich“, sagte der Barbier zum guten Schluss. „Aber warum sollten wir diesen siebten Krug halb leer lassen, Frau? Komm wir füllen ihn auf, damit er genau so aussieht wie die anderen.“ „Ihn auffüllen?“ fragte seine Frau. „Mit was sollen wir ihn auffüllen?“ „Na, mit Gold natürlich!“ antwortete der Barbier. „Wo sollen wir so viel Gold herbekommen?“ wollte seine Frau wissen. „Wir müssen mehr Geld sparen!“ sagte der Barbier. „Und außerdem haben wir deine goldenen Ornamente. Mit diesen können wir beginnen. Ich werde den Goldschmied fragen, ob er sie einschmilzt. Dann können wir das Gold in den Krug tun.“ „Aber, mein Ehemann,“ protestierte seine Frau, „du wolltest doch, das ich aussehe wie die Frau eines reichen Mannes.“ „Du bist eine dumme Frau!“ wies der Barbier sie zurecht. „Es ist wahr, dass reiche Männer ihren Frauen goldene Ornamente zum Tragen geben, aber diese Männer  sind nicht die reichsten. Die reichsten Männer bewahren ihr Gold in Krügen wie diesen auf. Wenn wir sieben Krüge voller Gold haben, werden wir sehr reich sein.“

Der Barbier brachte die Ornamente seiner Frau zu dem Goldschmied. Der Goldschmied schmolz sie ein und der Barbier legte das Gold in den siebten Krug. Doch der Krug war immer noch nicht annähernd voll. „Gib nicht so viel Geld aus Frau,“ sagte der Barbier. „Wir essen zu viel. Kaufe weniger Lebensmittel. Dann können wir mehr Geld sparen.“

Der Barbier und seine Frau aßen weniger und weniger. Sie wurden beide sehr dünn. Der König bemerkte, dass der Barbier immer dünner wurde und war besorgt. „Was ist los mit dir, Barbier?“ fragte der König eines Tages. „Warum bist du in den letzten Tagen so traurig? Du bist auch sehr dünn geworden. Bist du krank?“ „Nein, nein, Ihre Majestät,“ antwortete der Barbier. „Ich bin nicht krank. Ich sorge mich um Geld. Das ist alles.“ „Ich verstehe!“ antwortete der König. „Brauchst du mehr Geld?“ „Ja, mehr Geld. Das ist es, was ich brauche,“ meinte der Barbier. „Na gut,“ sagte der König. „Ich werde deinen Lohn verdoppeln. Ist das in Ordnung?“ „Oh, vielen Dank, Ihre Majestät!“ antwortete der Barbier sehr erfreut. „Jetzt  wird alles gut.“

Der Barbier sparte mehr und mehr Geld. Er kaufte mehr und mehr Gold, doch der siebte Krug war immer noch nicht voll. „Kaufe weniger Lebensmittel,“ forderte der Barbier seine Frau auf. „Wie können wir mehr Gold kaufen, wenn du so viel Geld für Lebensmittel ausgibst?“ Der König bemerkte, dass der Barbier immer noch traurig und besorgt aussah. „Barbier!“ sagte der König eines Tages. „Ich habe deinen Lohn verdoppelt, doch du siehst immer noch sehr besorgt aus. Du wirst dünner und dünner. Was ist los?“

Der Barbier wusste nicht, was er sagen sollte. Wie konnte er dem König erklären, dass er Gold wollte, mehr Gold, nichts als Gold? Er hatte niemandem von den sieben Krügen erzählt. 

Plötzlich sprach der König noch einmal. „Ich weiß, was es ist,“ schrie der König. „Es sind die sieben Krüge. Du hast die sieben Krüge erhalten, hab ich recht?“ Der Barbier war erstaunt. „Woher,… woher wusstet ihr das, Ihre Majestät?“ fragte er. Der König lachte. „Ich weiß es!“ antwortete er, „weil ich auch schon einmal diese Krüge angeboten bekommen habe. Ich habe eine Stimme von der Spitze eines Baumes gehört.“ „Hast du sie denn nicht angenommen?“ fragte der Barbier. „Doch, habe ich,“ antwortete der König, „aber ich habe sofort gewusst, dass etwas nicht stimmt. Die Stimme hat mir sieben Krüge voll mit Gold angeboten, doch der siebte Krug war halb leer.“ „Das ist richtig,“ schrie der Barbier, „ der siebte Krug ist halb leer.“ „Also ging ich zurück zu der Stimme aus dem Baum.“ sprach der König weiter. „Der siebte Krug ist halb leer!“ sagte ich. <Das ist richtig,“ antwortete die Stimme, „der siebte Krug ist immer halb leer.>“ „Was ist dann passiert?“ fragte der Barbier. „Dann“ sprach der König weiter, „fragte ich die Stimme, ob das Gold gespendet werden oder in den Krügen bleiben soll.“ „Und was hat sie geantwortet?“ fragte der Barbier neugierig. „Sie antwortete nicht.“ antwortete der König, „Ich ging nach Hause und dachte über die Krüge nach.“ „Und?“ sagte der Barbier.

„Plötzlich“ sprach der König weiter „habe ich verstanden, was die Stimme meinte, als sie sagte, <Der siebte Krug ist immer halb leer.> Sie meinte, dass man sich so gut es geht bemühen kann, den Krug zu füllen; aber man kann ihn nicht komplett füllen. Ich erkannte, dass es eine Falle war, und mich gierig nach mehr und mehr Gold machen sollte. Und da der Krug sich nicht füllen ließ, sollte meine Begierde nach Gold niemals enden.“

„Eine Falle?“ schrie der Barbier. „Ja,“ fuhr der König fort, „es war eine Falle. Aber ich durchschaute sie. Ich war nicht gefangen. Der siebte Krug war „der Krug der Begierde“ wie du siehst, je mehr du bekommst, desto mehr willst du und es nimmt kein Ende.“ „Wie seid ihr aus der Falle herausgekommen?“ fragte der Barbier. „Es war sehr einfach,“ antwortete der König. „Ich ging noch ein letztes Mal zu dem Baum und ich sagte zu der Stimme „Nimm deine sieben Krüger voller Gold zurück, ich will sie nicht“ „Und was ist dann passiert?“ fragte der Barbier. „<Alles klar,> sagte die Stimme“ antwortete der König. <Ich werde sie zurück nehmen.> sagte die Stimme. „Und als ich zurück nach Hause kam, waren die Krüge verschwunden.“ „Also kann der siebte Krug niemals gefüllt werden.“ meinte der Barbier bedenklich. „Seid ihr sicher, Ihre Majestät?“ „Ich habe keinen Zweifel daran!“ antwortete der König. „Gib die Krüge zurück, Barbier, bevor es zu spät ist. Du bist dünn und krank. Welches Gut kann kommen mit dieser Begierde nach mehr und mehr Gold? Gib diese Krüge zurück, sage ich dir, bevor sie dir noch mehr Schaden bringen.“

Der Barbier war sehr verängstigt von den Worten des Königs. Er rannte sofort zu dem Baum in den Wald und bat die Stimme, die sieben Krüge zurück zu nehmen. „Alles klar, ich nehme die Krüge zurück!“ antwortete die Stimme.

Als der Barbier zu Hause ankam, waren die sieben Krüge verschwunden. Und mit ihnen, natürlich, auch das ganze Gold, was er gespart hatte!